Das Kodak-Syndrom: Ein Schreckgespenst für die Autobauer?
Im Diskurs zur elektrischen Wende fällt immer wieder der Begriff des „Kodak-Syndroms“. Gemeint ist das Schicksal des Fotografie-Giganten, der den Sprung von der analogen zur digitalen Welt verpasste und dadurch in den Abgrund stürzte. Die bange Frage lautet: Stehen die etablierten Automobilkonzerne vor einer ähnlich existentiellen Herausforderung durch die Elektromobilität? Während der Vergleich auf den ersten Blick einleuchtet, offenbart eine genauere Betrachtung signifikante Unterschiede.
Fundamentale Unterschiede zur Fotobranche
Anders als bei Kodak, dessen Kerngeschäft – der Filmverkauf – durch die Digitalfotografie vollständig obsolet wurde, bleibt das Grundgeschäft der Autoindustrie intakt. Es geht nach wie vor um die Entwicklung, Produktion und den Verkauf von Fahrzeugen für den Individualverkehr. Der Antriebsstrang ändert sich, aber viele Kernkompetenzen wie Fahrzeugbau, Sicherheitsentwicklung, Vertriebsnetz und Markenstärke behalten ihren Wert. Die Herausforderung ist evolutionär, nicht revolutionär.
Die wirkliche Gefahr: Die Trägheit des Erfolgs
Die eigentliche Parallele zu Kodak liegt weniger in der Technologie selbst, sondern in der mentalen und strukturellen Trägheit. Jahrelange Dominanz mit Verbrennungsmotoren kann zu einem innovationsfeindlichen Ökosystem führen, das an überkommenen Gewinnmodellen festhält. Die Gefahr droht nicht primär von der Batterie, sondern von der Unfähigkeit, Geschäftsmodelle, Lieferketten und Unternehmenskultur radikal zu überdenken. Neue Player ohne dieses historische Ballast können agiler aufstellen.
Transformation statt Untergang
Die Automobilindustrie ist nicht zum Scheitern verurteilt. Viele Konzerne investieren milliardenschwer in die Elektro-Wende, bauen Batterie-Gigafactories und entwickeln neue Software-Plattformen. Der Ausgang des Wandels hängt davon ab, ob es gelingt, die digitale und elektrische Transformation nicht nur als technischen Wechsel, sondern als umfassende Neuerfindung des gesamten Unternehmens zu begreifen. Wer diesen Kulturwandel meistert, kann das Kodak-Syndrom vermeiden.